• Adriana und Alfred Mettler

Diäten in den USA

Das Bedürfnis abzunehmen ist im Lande der Wohlbeleibten omnipräsent. Nicht wenige Gespräche mit Bekannten und Unbekannten drehen sich ums "getting in shape". Wie man am besten Gewicht verliert, braucht in erster Linie - wie immer in den USA - ein starkes Marketing, damit den Leuten die neuste Diät-Entdeckung möglichst suggestiv verkauft werden kann.

Steht zum Beispiel der Name irgendeiner Celebrity in irgendeiner Art und Weise als Hoffnungsträger auf einem Produkt, wächst die Chance auf Erfolg - der Verkäufer, natürlich. Auch im deutschsprachigen Europa scheinen unzählige Bücher punkto Ernährung und Diät aus dem Amerikanischen übersetzt zu sein. Die Trends, Überzeugungen und Empfehlungen kommen ironischerweise aus dem Land mit den meisten Übergewichtigen. Regelmässig schwappt eine grosse Welle mit irgendeiner Superdiät übers Land, und alle glauben immer wieder aufs Neue, dass nun endlich das (ihr) Wundermittel gefunden wurde.

Vor einigen Jahren z.B. wurde "Gluten" auf die extremste Weise verteufelt. Alle Gesundheits- und Gewichtsprobleme wurden ihm zugeschrieben. Ein Freund, der bei uns zu Besuch war, bemerkte, dass es schon gut sei, dass man im Laden so viele "glutenfree" Esswaren finden kann. Nun ja, für Leute, die an Zöliakie leiden (wie die Partnerin unseres Freundes), ist das natürlich essentiell und sinnvoll. Allerdings wurden die Gestelle für "normale" Leute gefüllt, die überzeugt worden waren, dass der Verzicht auf Gluten die Lösung aller Probleme sei.

Der amerikanische Erfindergeist wurde sogleich angeregt, "glutenfree" war überall und für alle plötzlich „in“, und das Geschäft boomte. Dass man Gluten (wie bereits früher Fett) mit anderen, oftmals fraglichen Inhaltstoffen ersetzt hatte, interessierte niemanden. Tatsächlich ging es aber vielen Leuten besser mit der sogenannten glutenfreien Diät. Doch nach einiger Zeit und den ersten Studien vermuteten Experten, dass durchs glutenfreie Essen die Leute automatisch auf sehr viel "Junkfood" verzichteten (verzichten mussten): minderwertige, abgepackte und in der Fabrik hergestellte Esswaren wie Chips, billige Kekse, Donuts, Muffins, Kuchen, Fertiggerichte, billiges Brot, und, und... wurden auf einmal vom Speisezettel gestrichen. Da können die Pfunde tatsächlich rollen.

Diese Phase wurde irgendwann durch die grosse "Paleo" Bewegung ersetzt. Paleo ist die Abkürzung von Paleolithic (eine tausende Jahre zurückliegende Zeit, die deshalb insbesondere den Amerikanern sehr nahe steht ) und die "Paleo Diet" erlaubt den Leuten, sich wie die Menschen aus der Steinzeit zu ernähren, also als wären sie heute noch Jäger, Sammler und Fischer. Auch diese Diät erzeugt Erfolge aus nicht viel anderen Gründen als die oben erwähnten. Und sehr selten wird darauf hingewiesen, dass die Sammler und Jäger nicht beliebige Mengen an Fleisch und "Chicken" verzehrten (und sich erst doch ein bisschen anstrengen und bewegen mussten, bis sie ihr Essen erbeutet hatten).

Auch diese Phase ging vorbei bzw. wurde von irgendeiner neuen Theorie abgelöst. Trotzdem: Die Idee dass man eben die ganze Lebens- und Ernährungseinstellung grundsätzlich umstellen sollte, ist bei den Meisten nicht gerade beliebt. Man mag nun einmal den "quick fix", das Abnehmen soll schnell gehen, und es muss klare Regeln beinhalten. Man will genau wissen, was, wo, und wie viel. Gerne sprechen die Leute, als wären die Diätgurus eine befehlende Über-Autorität, die neben einem steht: "Er/sie möchte, dass ich nur genau so viel Kohlenhydrate esse, nur grünes Gemüse, nur Protein zum Mittagessen, und, und, und .. .

Heute propagieren verschiedene Apps das einfache Abnehmen. Die befehlende Stimme steckt nun im Smartphone. Dort "drin" hat jemand ein ganzes Programm ausgearbeitet und auch "der" möchte, dass man täglich nur so und so viel Kalorien (minutiös in alle Ernährungsgruppen aufgesplittet) zu sich nimmt.

Da Kochen für die meisten eine wenn immer möglich zu vermeidende Plage ist, kommt es vielen sehr gelegen, sich von Protein- Drinks und Shakes zu ernähren. Dies ist eine Milliardenindustrie – fast jede zweite US Person konsumiert täglich irgendein Proteinpulver. Obwohl jeder Buchladen vor unzähligen, interessanten Kochbüchern strotzt und im Fernsehen den ganzen Tag irgendwelche Cooking Shows gezeigt werden, ist die Kreativität in der Küche eher bescheiden. In irgendeiner Form landet das "Chicken" fast immer auf dem Teller. Es ist sozusagen "das tägliche Brot". Eine Diät, die diese lieben Tiere vernachlässigt, kommt im Land nicht sehr gut an.

Hat jemand keine Lust, weder auf eine vernünftige Ernährung noch auf das ständige "dieting", kauft sich diese Person einfach immer wieder neue Kleider in einer grösseren Grösse.



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